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  #1  
Alt 14.01.2011, 08:49
Benutzerbild von Antonio De Curtis
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 02.10.2009
Beiträge: 1.457
Die gute alte Zeit!?



Werte Stilfreunde,

es gibt eine Frage, welche mich seit längerer Zeit umtreibt. Es geht darum, angeregt durch Threads wie „stilvoller Spaziergang mit Hunden“ oder „tragt ihr Daunenjacken“, wie von Euch „die gute alte Zeit“ gesehen wird. Hierbei geht es mir NICHT um richtig oder falsch um gut oder schlecht. Es geht überhaupt nicht um werten und bewerten und vor allem möchte ich bitten, davon Abstand zu nehmen, immer persönliche Meinungen anderer Forumsteilnehmer zu diskreditieren. Vielmehr frage ich mich (ohne zu werten!) wenn ich Sätze lese wie …Der Mount Sowieso wurde im stilvollen Tweed Dreiteiler erklommen… oder …früher kleidete man(n) sich so und so…oder …früher trug man nur Lederarmband… ob das dann immer bis zu Ende gedacht wurde. Natürlich ist mir bewusst, dass unserer heutigen Zeit einwenig mehr an Stil, Klasse und Eleganz gut zu Gesichte stünde, aber war früher wirklich alles besser, nur weil die Masse der Menschen besser gekleidet war? Was ist mit Selbstverständlichkeiten wie der täglichen Dusche – früher unmöglich, denn da badete man sich einmal die Woche, Gesundheitsvorsorge oder Kindersterblichkeit, Verfügbarkeit von Dingen des täglichen Gebrauchs oder Lebensmitteln, Reisen und vieles mehr. Ich bin KEIN Verfechter der These „Alles geht“, aber manchmal frage ich mich einfach ob Sir Edmund Hillary bewusst auf Funktionskleidung verzichtet hätte, hätte es welche gegeben zu seiner Zeit, um auf dem Gipfelfoto stilvoller aus zu sehen? Hätten Soldaten aller Nationen in den beiden Weltkriegen (Vorsicht KEINE Nazikeule!) nicht ihre rechte Hand für wärmende Funktionskleidung gegeben, auch auf die Gefahr hin, als stillos zu gelten? Oder war es nicht einfach so, dass es entsprechende Kleidung einfach nicht gab? Wissen wir ob unsere Väter und Großväter bewusst darauf verzichtet hätten, hätten sie die Wahl gehabt? Ich selber arbeite in einem sehr traditionellen Umfeld. Der Stammbaum der Familie, für die ich arbeite, geht zurück ins Jahr 1032 und die Firma gibt es seit über 700 Jahren. Wir haben noch Wein Bestellungen von Heinrich VIII in unseren Archiven. Trotzdem wird der Blick immer nach vorne gerichtet und nur ganz selten zurück. Frei nach dem Motto: Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitertragen der Glut. Dementsprechend mit ständiger Weiterentwicklung auf Basis des Erreichten.

Falls den einen oder anderen von Euch eine ähnliche Frage beschäftigt, würde ich mich über eine angeregte Diskussion mit den unterschiedlichsten Meinungen freuen.

Liebe Grüße

Sandro
__________________
Wenn zwei Menschen immer der gleichen Meinung sind, dann ist einer von ihnen überflüssig. Winston Churchill
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  #2  
Alt 14.01.2011, 08:59
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Registriert seit: 05.01.2011
Beiträge: 1.925
Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme. - Thomas Morus

Es gibt erstaunlich viele Varianten dieses Satzes :-)

Zum Thema: Die Frage habe ich mir auch schon gestellt, muss man wirklich immer und überall vollkommen Elegant und Stilvoll sein ? Ich finde nicht insbesondere bei den von dir angesprochenen Themengebieten. Wenn ich mit dem Hund gehe dann in Gore Tex und Meindl, einfach weils praktisch ist. Selbiges gilt auch beim Ski fahren da bevorzuge ich Funktionskleidung statt Wachsjackeicon weil ersteres einfach besser geeignet ist.
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  #3  
Alt 14.01.2011, 09:05
Benutzerbild von spoozy
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Registriert seit: 07.10.2009
Beiträge: 2.237
Das Thema "praktisch" vs. "elegant" wurde ja schon erschöpfend von anderen Rednern hier im Forum besprochen...

Zu Sandros These: ja, die "Früher war alles besser"-Keule, die von vielen (nicht unbedingt immer hier) geschwungen wurde, bringt mich manchmal schon auf die Palme. Die von dir angesprochenen Punkte (Hygiene, Medizinstand, Entwicklungsmöglichkeiten, persönliche Freiheit, etc.) sind doch erst in den letzteb 70 Jahren so richtig ins Rollen gekommen. Dass das Stilbewusstsein gelitten hat, mag ja sein, aber mal ganz im Ernst: lieber kuck ich mir 5 Ed-Hardy-Träger an, als das mir der Arzt im Krankenhaus sagt: "Tja Pech gehabt, ist halt ein Virus, Penicilin haben wir noch nicht, wir sehen uns auf deiner Beerdigung"...
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  #4  
Alt 14.01.2011, 09:13
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Registriert seit: 05.01.2011
Beiträge: 1.925
Zitat:
Zitat von spoozy Beitrag anzeigen
Lieber kuck ich mir 5 Ed-Hardy-Träger an, als das mir der Arzt im Krankenhaus sagt: "Tja Pech gehabt, ist halt ein Virus, Penicilin haben wir noch nicht, wir sehen uns auf deiner Beerdigung"...
Gute das der Ed Hardy Trend langsam verschwindet zum. kommts mir so vor.
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  #5  
Alt 14.01.2011, 09:35
Des Esseintes
Gast
 
Beiträge: n/a
Zitat:
Zitat von Steffen101 Beitrag anzeigen
Zum Thema: Die Frage habe ich mir auch schon gestellt, muss man wirklich immer und überall vollkommen Elegant und Stilvoll sein ?
Lieber Steffen,

ich stimme mit dem Rest des von Ihnen gesagten überein, halte diese Frage so aber für unglücklich gestellt. Auch ich fahre, wenn ich es vermeiden kann, nicht im Tweed-Dreiteiler Ski, sondern in zeitgemäßer Funktionskleidung. Aber auch diese kann mehr oder weniger stilvoll sein, und ich denke, daß im Bemühen, auch in funktioneller und technisch aktueller Kleidung gewisse ästhetische Grenzen nicht zu überschreiten, durchaus ein Ausdruck von Stil liegen kann.

Lieber Sandro,

selbstverständlich würde Hillary heute in der besten verfügbaren Funktionskleidung den Everest besteigen, er wäre auch töricht, sein großes Ziel dadurch zu gefährden, daß er Aussehen über Funktion stellte. Erfolgreiche Segler in großen Wettbewerben tragen ebenfalls Funktionskleidung, nicht zweireihigen Maßblazer, und dasselbe gilt -gerechtfertigterweise - für viele Sportarten.

Früher war zweifellos nicht alles besser, vieles deutlich schlechter ...aber manches schöner!

dE

PS: Lieber Spoozy, auch heute würde Ihnen Penicillin gegen Viren wenig helfen... (Klugscheißermodus wieder aus)
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  #6  
Alt 14.01.2011, 09:47
Benutzerbild von Das gute Leben
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Registriert seit: 25.01.2010
Beiträge: 2.821
Sowohl der Burkeanische Konservatismus mit seiner Fixierung auf Bewahrung und Tradition, geboren aus dem Schock der französischen Revolution, als auch der geschichtsvergessene Fortschrittsoptimismus dieser Verkörperung radikaler Aufklärung, sind auf einem Auge blind. Ob ein bestimmter Entwicklungsaspekt von Geschichte Fortschritt oder Verfall bedeutet, ob es früher besser oder schlechter war, ist eineFrage, die differenziert und distanziert beantwortet werden müsste, faktisch jedoch immer perspektiv- und interessengebunden, sowie ideologisch überformt diskutiert wird.
Tocqueville, der große Analytiker der Demokratie, stellte fest, das in der Demokratie die Mediokrität regiert, in Politik wie Kultur, dass der Individualismus (der autonomen Aristokraten wie ihm selbst, aber auch der Intellktuellen) unterdrückt oder ignoriert wird, dass aber gleichzeitig sich die Lebensbedingungen für die Mehrheit ungleich verbessern und das allgemeine Bildungsniveau enorm steigt. Veränderung bedeutet eben oft Verlust und Gewinn zugleich und Konsequenzen werden oft erst spät deutlich. Noch nie ging es so vielen Menschen materiell so gut wie in der westlichen Welt von heute. Wir sind heute, allen Stillamentos zum trotz, im Schnitt besser bekleidet als vor 100 Jahren, als ein Drittel der Menschen noch in halben Lumpen, nach heutigen Maßstäben, herumlief. Der ökologische Preis für diesen Wohlstand ist uns erst seit den 70er Jahren sehr langsam bewusster geworden und wirkliche Lösungen gibt es für dieses Problem noch nicht (die Ökodeutschen gehörfen als Nation trotzdem zu den größten Umweltbelastern der Welt, durch den enormen Ressourcenverbrauch unserer Lebensweise). Was noch hinzukommt, ist, dass objektive Verbesserung für manche Menschen (z.B. billige Bananen oder Klamotten) zu objektiver Verschlechterung für andere führen kann (ausgebeutete Bananenplantagenarbeiter und asiatische Textilsklaven). Unsere Wohlstandsdemokratien basdiern z.t. auf der Verlagerung der Ungleichheit nach außen.
Als Historiker würde ich sagen, das "früher war alles besser" meistens sentimentale Nostalgie ausdrückt, während "heute ist alles besser" nicht einer gewissen Hybris entbehrt. Es ist selten möglich, Lebensmodelle aus der Vergangenheit komplett auf die Gegenwart zu übertragen - was aber nicht bedeutet, dass man nicht aus der Geschichte Lehren ziehen könnte (nur passiert das fast nie) und vor allem ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass nichts so sein müsste, wie es ist, sondern dass immer Alternativen existieren. Ich muss z.B. meine Studentinnen, die mit Feminismus als Idee oft nichts anfangnen können, oft daran erinnern, dass noch in den 70er Jahren eine Frau die Erlaubnis ihres Mannes brauchte um ein Konto zu eröffnen und noch in den 50er Jahren die Berufausübung rechtlich nur mit Erlaubnis des Ehemanns möglich war - und das es heute viele Länder gibt, in denen die Situation von Frauen noch wesentlich dramatischer ist. Mit anderen Worten: don't take anything for granted.

Du arbeitest ja im Weingeschäft, Sandro. Man könnte über den parkerisierten Massengeschmack klagen, über Aldiplörre, spinning cone columns und chinesische Bordeauspekulanten und wie schön es früher war, Bordeaux, Burgund, Rioja, Toskana, Riesling, fertig. Aber andererseits: gab es jemals besseren Wein als heute? Einfachere Weine sind heute zumindest sauber und trinkbar und strotzen nicht mehr vor Brett und anderen Weinfehlern, und für 5 Euro kann man einen sehr guten Tropfen bekommen. Die Biodynamik und wissenschaftlicher Fortschritt haben den Weinbau auf ein völlig neues Niveau gehoben, es gibt heute eine Vielzahl seriöser Terroirwinzer, deren Produkte durch neue Handelsstrukturen weitläufig verfügbar sind etc. pp. Besser oder schlechter?
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  #7  
Alt 14.01.2011, 09:54
Benutzerbild von Grzmblfxx
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Registriert seit: 29.09.2010
Beiträge: 352
Zitat:
Zitat von Steffen101 Beitrag anzeigen
...Zum Thema: Die Frage habe ich mir auch schon gestellt, muss man wirklich immer und überall vollkommen Elegant und Stilvoll sein ? ...
Da gibt es nur eine Antwort:

Diese Frage gibt es nicht, denn wenn ich mich fragen muß, ob und wie ich stilvoll irgendetwas mache, wird es durch diese Gedanken ad absurdum geführt.
Ich kenne Leute, die stilvoll sind aufgrund ihres Charakters, des Auftretens usw. Da ist es unerheblich, was der- oder diejenige anhat.

Wenn ich mir diese Frage stellen muss, bin ich ohnehin verkleidet.

Bitte nicht falsch verstehen; ich überlege beim Anziehen auch oft lange vorm Kasten, wie ich was kombiniere und ich lege Wert auf gute Manieren, aber die Farge, ob ich etwas stilvoll machen will, habe ich mir noch nie gestellt.
__________________
Schöne Grüße
Andreas

si tacuisses, philosophus mansisses

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  #8  
Alt 14.01.2011, 09:59
Benutzerbild von Change
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Registriert seit: 09.09.2010
Beiträge: 974
Interessantes Thema.

Edmund Hillary hat auf das modernste Material zurückgegriffen, das ihm zur Verfügung stand. Hätte man ihm einen 2011er Bergsteigerkatalog mit Bestellmöglichkeit in die Hand gedrückt, hätte er sich extrem gefreut.

Und hätte Charles Lindbergh etwas moderneres als seine "Spirit-of-St.Louis" in die Finger bekommen, hätte auch er zugegriffen.

Nostalgie ist ein Gedankenspiel mit Rosinenpickerei. Mann muss schon sehr viel Negatives ausblenden. Ich würde mich schon ein wenig als Nostalgiker bezeichenen. In einer gedachten Welt mit einer Idealversion der 20er und 30er Jahre würde ich mich sehr wohlfühlen. Dort möchte ich dann aber wohlhabend und gesund sein, und eine aufstrebende faschistische Partei, die noch für viel Unheil sorgen könnte sollte es auch nicht geben...

Dem kleinen Mann ging es allerdings viel schlechter als heute... Ich sage nur düstere Mietskasernen mit einem Klo auf dem Flur für mehrere Familien...

Den Geschmack der Menschen jener Zeit finde ich jedoch ungeheuer ansprechend... Egal ob Architektur, Mode, Musik, oder Technik (wie toll sahen damals Autos, Motorräder, Flugzeuge und Schiffe aus...).

In vielen Dingen waren die Menschen unbeschwerter, vielleicht auch naiver. Keiner hatte ein schlechtes Gewissen wg. Umweltzerstörung oder Ressourcenverbrauch. Man glaubte an einen unaufhörlichen Fortschritt der Technik und Medizin. Und man konnte Patriot sein, ohne schlechtes Gewissen...
Die Menschen lebten, wenn sie nicht arm waren, in einem ruhigeren Lebensrythmus als heute. Zwar mit mehr Arbeitstunden (Samstagsarbeit) aber alles viel weniger komprimiert. Und Fernseher gabs auch nicht - welch segen! (Ich habe auch 2011 keinen).

Aber tauschen wollen, wenns möglich wäre - nein das wollte ich dann doch nicht!

Ich wurde zu früh geboren, in den 20er, 30er Jahren wäre ich wohl nur ein paar Stunden alt geworden, wenn überhaupt...

Gruß Jens
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  #9  
Alt 14.01.2011, 10:26
Benutzerbild von Das gute Leben
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Registriert seit: 25.01.2010
Beiträge: 2.821
Zitat:
Zitat von Change Beitrag anzeigen

Edmund Hillary hat auf das modernste Material zurückgegriffen, das ihm zur Verfügung stand. Hätte man ihm einen 2011er Bergsteigerkatalog mit Bestellmöglichkeit in die Hand gedrückt, hätte er sich extrem gefreut.
Jedoch :
http://www.youtube.com/watch?v=qmNqlD7R8Pk
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  #10  
Alt 14.01.2011, 10:47
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Registriert seit: 19.05.2009
Beiträge: 164
Nur um ein kleines Missverständnis aufzuklären, Hillary trug bereits synthetische Kleidung mit Daunen. Mallory war der mit dem Tweed-Anzug und das war 30 Jahre vor Hillary.
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